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PHPKIT   Hundeerziehung
04.08.2005 von juergen

"Belohnung" und "Strafe" in der Hundeausbildung und Hundetherapie


Manfred Wolff
Tierschutzbeauftragter des Deutschen Hundesportverbandes


1. Allgemeines über Belohnung und Strafe

1.1 Belohnung und Strafe beim Menschen im Alltag

Im Alltag belohnen wir ein Kind, wenn es ein erwünschtes, ein richtiges Verhalten zeigt. Einem Kellner, der uns höflich und zuvorkommend behandelt hat, geben wir ein großzügiges Trinkgeld. In einem allgemeineren Sinn ist auch jedes Lob, ja jede schlichte Bestätigung einer Handlung wie zum Beispiel ein freundliches "Danke" oder "Ja" eine "Belohnung". Belohnung, Lob und freundliche Bestätigung heben die Stimmung des Betroffenen. Er weiß darüber hinaus, was er in einer ähnlichen Situation tun kann, um wieder Belohnung etc. zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, daß er sein Verhalten wiederholt, wird hierdurch erhöht.

Im Alltag strafen wir ein Kind, wenn es ein unerwünschtes Verhalten zeigt, in der Hoffnung, daß es dies dadurch nicht wieder tut. Etwas schwächer aber mit der gleichen Absicht ausgesprochen ist das "Nein". Unter Erwachsenen muß man neben dem Einsatz körperlicher Gewalt auch das Einschüchtern etwa durch Gebrüll oder Drohungen zu den Methoden zählen, die Wiederholung des unerwünschten Verhaltens ausschließen sollen.

Belohnung und Strafe, Bestätigung und Mißbilligung sind aber in ihrer Wirkung völlig unterschiedlich. Eine Belohnung bzw. Bestätigung hebt die Stimmung. Darüber hinaus weiß der Handelnde nach der Bestätigung genau, was er bei ähnlichen Situationen wieder machen kann, er weiß, wie er sich verhalten kann. Bei Strafe oder Mißbilligung dagegen weiß er zwar, daß die mißbilligte Handlung falsch war, er weiß aber nicht was er statt dessen tun soll. Er wird unsicher.

1.2 "Erfolg" als Belohnung

Eine besondere Art von "Belohnung", die gar nicht von einem anderen gegeben werden muß, ist der Erfolg. Wollen der Mensch oder ein Säugetier ein Ziel erreichen, zum Beispiel Nahrung bekommen, so können sie dies oft auf verschiedene Weise versuchen. Mit irgendeiner Handlungsweise werden sie Erfolg haben. Diese Handlungsweise werden sie dann in Zukunft immer wieder anwenden, selbst wenn sie gelegentlich dabei keinen Erfolg haben. Der Erfolg selbst hat hier wie eine Belohnung gewirkt. Er hat die Wahrscheinlichkeit, daß das Verhalten in ähnlicher Situation wieder auftritt, erhöht.

Beispiel: durch Zerren an der Leine ist es dem Hund gelungen, an eine Stelle zu kommen, die er unbedingt beschnuppern wollte. Dieser Erfolg läßt ihn auch in Zukunft kräftig zerren – und tatsächlich hat er auch immer wieder mal Erfolg.

Bleibt jedoch bei einer Handlungsweise der Erfolg stets aus, so kommt sie mit der Zeit nicht mehr vor. Permanenter Mißerfolg führt zur Unterlassung eines Verhaltens.

1.3 Gefährdung als "Strafe"

Wir können uns durch eine Handlung auch ganz übel in Gefahr bringen. Wird sie uns bewußt oder erleben wir dabei Angst oder verletzen uns sogar, so werden wir die Handlung in Zukunft unterlassen. Auch dies gilt ähnlich bei Tieren. Wie der Erfolg als "Belohnung" wirkt, wirkt die Gefährdung wie eine "Strafe". Sie führt in der Regel zum Unterlassen des Verhaltens. Während der Erfolg allerdings ein Wohlgefühl erzeugt, ist die Gefährdung mit Angst und Fluchtverhalten verbunden. Darauf komme ich später noch einmal zurück.

1.4 "Belohnung" und "Strafe" beim Hund

Dem Hund ist die Fähigkeit angeboren, ein hohes Sozialverhalten auszubilden (im Gegensatz etwa zu Tigern. Auch bei Katzen ist diese Fähigkeit nur schwach vorhanden.). Bei gutem Umgang mit ihm akzeptiert er uns als sein "Leittier‘". Daher besteht für uns die Möglichkeit, ihn auf verschiedenste Art zu "belohnen", aber auch zu "strafen".

Dabei müssen wir allerdings vor dem Einsatz von "Strafe" unbedingt folgendes bedenken:

Durch "Strafe" wird der Hund wie der Mensch unsicher. Bestenfalls lernt er, welches Verhalten unerwünscht ist, nicht jedoch, welches statt dessen erwünscht ist. Außerdem erlebt er "Strafe" immer als Bedrohung oder Gefährdung seines Lebens, er bekommt Angst.

Im Zusammenleben von Hunden sind negative Interaktionen, d. h. "Strafen" nur 5 bis 7% aller Interaktionen (nach A. Hallgren) und davon ist wieder nur ein Bruchteil ein Abschnappen. Der Rest ist Knurren.

Wir sollten also "Strafen" immer erst dann einsetzen, wenn wir alle anderen Möglichkeiten, unerwünschte Verhaltensweisen zu unterbinden, wirklich ausgeschöpft haben.

2. Lernen

2.1 Einführung

Unter Lernen wollen wir jede Änderung des Verhaltens verstehen. Wir nehmen dabei an, daß die Verhaltensänderung eine Antwort auf eine bestimmte Umweltsituation ist, die dem Tier ein "angenehmeres" Leben beschert. Verminderung von Angst (z. B. durch Flucht) gehört hier dazu. Tiere (einschließlich Menschen) können auf ganz verschiedene Weisen lernen. "Belohnung" und "Strafe" spielen jedoch nur bei einer ganz bestimmten Form des Lernens eine Rolle, beim Lernen durch Verstärkung (instrumentelles Lernen).

2.2 Lernen durch positive Verstärkung ("Belohnen")

Beim Lernen durch Belohnung spielen vier Dinge eine entscheidende Rolle:


Der Hund muß ein bestimmtes Ziel erreichen wollen, er muß motiviert sein. Ein voll gefutterter Hund will ruhen, er ist zum Liegen motiviert – eine hervorragende Situation, um ihm "Platz" beizubringen. Eines will er nicht: Fressen. Leckerli sind also unangebracht.


Es muß einen Auslösereiz für eine Handlung geben, d. h. der Hund muß etwas ganz Konkretes hören, sehen, riechen, kurz: wahrnehmen, damit er anfängt zu handeln. Ein hungriger Hund sieht zum Beispiel einen Futterbrocken. Jetzt beginnt er zu handeln. Der Futterbrocken ist der Auslösereiz.


Der Hund wählt eine Handlung aus, man sagt: er zeigt eine Antwort auf den Auslösereiz.


Schließt sich direkt an die Handlung eine "Belohnung" an, zum Beispiel der Erfolg, und wird das Ganze vielleicht noch mehrfach in der gleichen Weise wiederholt, so wird der Hund auf den Auslösereiz hin (fast) immer diese Handlung (diese Antwort) zeigen. Das Antwortverhalten ist gelernt.

Beispiel: Sich setzen

Der Hund ist hungrig. Wir zeigen ihm ein Leckerli über seinem Kopf. Der Hund springt hoch, um es zu bekommen. Das ignorieren wir (kein "Nein"!). Der Hund probiert alles mögliche. Alles ignorieren wir. Irgendwann wird er sich auch setzen. Dies Verhalten wird sofort durch Gabe des Leckerlis belohnt. Der Hund hat erlebt: "Sich setzen führt zum Erfolg". Wiederholen wir das Experiment mit der gleichen Leckerlidarbietung über seinem Kopf ein paar Mal, wird er sich in Zukunft wahrscheinlich sofort bei dessen Anblick setzen.

Ersatzauslöser:

Das wichtigste Gesetz des Lernens durch Belohnung ist nun, daß der Auslösereiz umgelernt werden kann. Hat der Hund ein Verhalten auf einen Auslösereiz gelernt (zum Beispiel das Hinsetzen beim Zeigen des Leckerlis), wiederholen wir das Experiment ein paar Mal, indem wir gleichzeitig mit dem Auslösereiz einen neuen Reiz geben, im Beispiel oben etwa das Hörzeichen "Sitz". Das Erstaunliche ist, daß der Hund nach mehrfacher Wiederholung dieses Experiments auch dann schon die Handlung zeigt, wenn wir nur den neuen Reiz bieten. Er ist zum Ersatzauslöser geworden. Wir brauchen dazu Zeit und Geduld – aber nie "Strafe". Das wäre völlig unsinnig und würde dazu führen, daß der Hund den ganzen Lernvorgang meidet (verweigert).

Wir fassen noch einmal zusammen: durch mehrfache Wiederholung der Übung, bei der gleichzeitig mit dem Auslösen der Ersatzreiz gegeben wird, erreicht man, daß der Ersatzreiz allein bereits das Verhalten auslöst.

Beispiele:


"Sitz" (Sichtzeichen): wir zeigen nicht nur das Leckerli, sondern führen dabei die Hand mit ihm von unserer Gürtelhöhe rasch bis in Schulterhöhe und zwar mit den Fingern nach oben. Auslösereiz ist das Leckerli, Ersatzreiz unsere Handbewegung. Wiederholen wir die Übung ein paar Mal, wobei wir die "richtige" Antwort, das Sich setzen, belohnen, wird der Hund sich auch schon auf unsere Handbewegung allein setzen, ohne daß in der Hand das Leckerli ist (Belohnen müssen wir immer noch, s. Abschnitt 3).


"Sitz" (Hörzeichen): Gleichzeitig mit dem Zeigen des Leckerlis sagen wir freundlich "Sitz". Auslösereiz ist wieder das Leckerli, Ersatzreiz das Hörzeichen "Sitz". Wiederholen wir die Übung ein paar Mal, wobei wir wieder das Sich setzen belohnen, wird der Hund sich allein beim Wort "Sitz" setzen.


"Sitz-Bleib": Wir spielen mit dem Hund mit einem Zottel (Motivation herstellen). Wir werden etwas ruhiger, lassen den Hund (durch regungsloses Stehen) den Zottel ausgeben, sagen "Sitz-Bleib". Auf "Sitz" setzt sich der Hund. Der Auslösereiz ist der Zottel. Wir gehen drei Schritte rückwärts weg vom Hund (und helfen durch Handzeichen, daß er bleibt). Nach (anfangs sehr) kurzer Zeit setzen wir das Spiel mit dem Zottel fort, wenn der Hund geblieben ist. Der Ersatzreiz ist das Hörzeichen "Sitz-Bleib", die Belohnung ist hier die Fortsetzung des Spiels.


Art der Belohnung:

Die Art der Belohnung hängt von der Motivationslage des Hundes ab. Wir können aus allen möglichen Bereichen Belohnungen bieten. Die bei unserem Hund erfolgreichsten benutzen wir dann weiter. Typische Beispiele sind Leckerli (Nahrungsverhalten), Streicheln (Sozialverhalten), Beutespiel (Jagdverhalten), Loben (Sozialverhalten), erlaubtes Beschnüffeln eines Grasbüschels (Erkundungsverhalten), usw.

Wichtig ist, daß wir dem Hund auch eine Ersatzbelohnung beibringen können, zum Beispiel ein bestimmtes Geräusch (Schnalzen mit der Zunge). Hierauf beruht das Klicker-Training, mit dem ursprünglich Delphine trainiert wurden.

Ganz ähnlich wirkt das Wort "brav" oder "fein". Freundliche Zuwendung des Besitzers zu seinem Hund wie das freundliche Aussprechen von "fein" etwa ist sowieso schon eine Form der Belohnung, für die der Hund fast immer empfänglich ist. Man kann dies nun noch steigern, indem man eine Zeit lang gleichzeitig "fein" sagt und ein Leckerli gibt oder den Hund kurz streichelt oder krault. Damit wird die freundliche Zuwendung, die im Wort "fein" schon liegt, noch einmal verstärkt. Das Wort "fein" wird damit eine in vielen Fällen ausreichende Belohnung. In sehr unregelmäßigen Abständen sollte es mit Leckerli oder Streicheln gleichzeitig wieder als Belohnung gegeben werden.

3. Lern- und Kann-Phase und die Häufigkeit von Belohnung

Im Abschnitt 2 haben wir behandelt, wie wir dem Hund ein gewünschtes Verhalten beibringen können. Solange der Hund das Verhalten nicht sicher beherrscht, müssen wir jedesmal belohnen, wenn er es richtig zeigt. Diese Phase ist die Lernphase.

Beherrscht der Hund das Verhalten sicher auf den Ersatzreiz hin (Hörzeichen oder Sichtzeichen), befindet er sich also in der Kann-Phase, belohnen wir unregelmäßig. Wenn wir dabei eine lange Zeit nicht belohnt haben, belohnen wir plötzlich besonders schön ("Jackpot-Leckerli", also ein besonders schmackhaftes Leckerli, Spielen mit Lieblingsspielzeug oder ausführliches Schmusen). Keine andere Art der Belohnung in der Kann-Phase ist so gut wie die beschriebene. Insbesondere ist die weit verbreitete Ansicht, es brauche gar keine Belohnung, der Hund muß auch so folgen, absoluter Unsinn. Im Gegenteil, konsequente Unterlassung von Belohnung führt zum Verschwinden des Verhaltens, was wir uns beim Abgewöhnen unerwünschten Verhaltens zu Nutze machen können (s.u.).

4. Lernen komplizierter Aufgaben

Zur guten Hundeausbildung gehören nicht nur "Sitz", "Platz" und "Komm", sondern auch längeres Fußgehen und Apportieren mehrerer Gegenstände, Agility, Fährten und vieles mehr. Solche Aufgaben fordern den Hund und führen zu einem immer engeren Verhältnis zwischen Mensch und Hund. Der Hund hat damit ein erlebnisreiches, erfülltes Leben.

Ein Lernprinzip dabei ist, die komplizierte Aufgabe in lauter kleine Teilaufgaben zu zerlegen. Diese Teilaufgaben werden nach dem Prinzip des Lernens durch Belohnen zunächst jede für sich geübt, bis sie sicher gekonnt werden. Dann fügt man sie nach und nach zusammen, anfangs indem man jede richtig gelöste Teilaufgabe belohnt, dann belohnt man nur noch, wenn zwei aufeinander folgende Aufgaben von allein hintereinander ausgeführt werden usw. Wie dies im Einzelnen zu geschehen hat, hängt vom einzelnen Hund und von der Aufgabe ab.

Beispiel: Apportieren mehrerer Gegenstände: Wir bringen dem Hund erst bei, seinen Zottel zu bringen (sagen dabei "Bring Zottel"), danach seinen Ball ("Bring Ball"). Die zusammengesetzte Übung ist Bringen von Zottel mit Hörzeichen "Zottel" und Ball mit Hörzeichen "Ball" hintereinander, wenn beide Gegenstände ausgelegt sind.

Auch hier gilt: In der Lernphase immer das richtige Verhalten belohnen, in der Kann-Phase unregelmäßig.



5. Andere Formen des Lernens

Wir haben gesehen, daß das Lernen mit der Belohnung des gewünschten Verhaltens die Basis einer guten Hundeausbildung ist. Wir brauchen aber nicht alles auf diese Weise beizubringen. Der Hund lernt u.a. auch auf folgende Weisen:

Lernen durch Verallgemeinerung: Der Hund kann gut gelernte Verhaltensweisen auf andere Situationen übertragen. Bringen wir ihm z.B. bei, weder beim Besuch des Postboten noch des Milchmannes zu bellen, wird er höchstwahrscheinlich auch beim Besuch des Hausarztes nicht bellen. Oder hat der Hund gelernt, durch einen Bach zu gehen, wird er höchstwahrscheinlich auch durch einen Fluß schwimmen.

Lernen durch Gewohnheit: Führen wir in sich wiederholenden Situationen mit dem Hund immer die gleiche Aktion durch, so wird er sie auch von sich aus ohne jedes Hör- oder Sichtzeichen durchführen.

Beispiele:


Bevor wir dem Hund Futter geben, lassen wir ihn in einiger Entfernung vom Freßplatz "Sitz-Bleib" machen. Nach wenigen Tagen oder zwei Wochen wird sich der Hund von sich aus auf den eingeübten Platz setzen und warten.


Bevor wir den Hund aus dem Auto springen lassen, lassen wir ihn im Auto "Sitz" machen und leinen ihn an. Wird das mit absoluter Regelmäßigkeit immer getan, so setzt sich der Hund vor Verlassen des Autos von sich aus hin und läßt sich anleinen.

Lernen durch Nachahmung: Ein junger Schäferhund lernt vom älteren durch Nachahmung das Bewachen der Herde. Ein junger Hund, der in einer Familie zu einem älteren genommen wird, lernt dessen Unarten durch Nachahmung (jagen, Mäusebuddeln).

6. Strafe

Wir setzen Strafe ein, um ein unerwünschtes Verhalten möglichst ein für alle Mal zu unterbinden. Strafe ist leider die am häufigsten falsch angewendete Methode in der Hundeerziehung. Das erklärt sich dadurch, daß sie den Besitzer so sehr befriedigt, nicht aber durch ihrem tatsächlichen Erfolg.

Beispiel:

Der Besitzer ist wütend oder ungehalten, wenn der Hund in seiner Abwesenheit auf dem Teppich uriniert oder einen Vorhang heruntergerissen hat und schnauzt den Hund bei seiner Rückkehr entsprechend an. Der Hund zeigt Unterwerfungsverhalten oder verkriecht sich in eine Ecke und der Besitzer ist aus 2 Gründen zufrieden: erstens hat er seine Wut herausgelassen und zweitens zeigt der Hund ja auch sein "schlechtes Gewissen". Dabei zeigt der Hund nur Unsicherheit bzw. Fluchtverhalten.

Manchmal zeigt auch Strafe einen Erfolg. Aber man muß immer folgende möglichen Nebenwirkungen beachten:


Genau wie die Belohnung sofort nach dem gewünschten Verhalten muß die Strafe sofort nach dem unerwünschten Verhalten kommen. Sonst lernt der Hund nichts über das Verhalten, sondern Angst vor seinem Besitzer.

Beispiel:

Der Hund jagt plötzlich. Kein Rufen hilft. Nach 5 Minuten kommt der Hund freudig zurück und wird fürs Jagen hart bestraft (Leinenschläge). Der Hund lernt, Kommen ist schlecht, und wird in Zukunft Abstand halten.


Aber selbst wenn die Strafe auf "frischer Tat" erfolgt, weiß man nicht, was der Hund lernt (s. Teil 1).

Beispiel:

Ein Besitzer beobachtet, daß sein Hund auf dem Teppich uriniert, packt ihn, stößt seine Schnauze in die Pfütze und bringt ihn anschließend in den Garten. Der Hund macht dort nichts. Wieder im Haus, geht der Hund das nächste Mal, als er muß, in ein Zimmer, in dem Herrchen gerade nicht ist und macht dort sein Geschäft. Er hat durch die Strafe nicht gelernt, im Haus ist urinieren verboten, sondern: in Anwesenheit des Besitzers ist urinieren verboten.


Der Hund gewöhnt sich manchmal an die Strafe, d.h. sie verliert ihre Angst bzw. Schmerz auslösende Wirkung. Denken Sie an den vielfach propagierten Leinenruck. Manche Hundebesitzer rucken das ganze Hundeleben an der Leine, schwören aber auf den Erfolg dieser Maßnahme.


Genauso kann aber bei anderen Hunden eine Verallgemeinerung eintreten, insbesondere bei harter Strafe: der Hund wird dann insgesamt ängstlicher und unsicherer.


Schließlich kann Strafe auch die Aggression erhöhen. Plötzlich beißt der Hund den Besitzer oder Familienangehörige.

Natürlich kann Strafe auch Erfolg haben. Ein gut dosiertes "Nein" oder "Aus" hilft insbesondere bei unerwünschten Handlungen, für die der Hund noch nicht voll motiviert ist, z. B. wenn er gerade weglaufen will, aber noch nicht richtig gestartet ist.

"Strafen", also negative Reize, wirken zunächst einmal durch ihre Schreckwirkung. Diese erlebt der Hund als Gefährdung (s. unter 1.3) und veranlaßt ihn, sein Verhalten zu unterbrechen. Der Hund ist jetzt verwirrt und unsicher. Deshalb sollte sofort nach einem erfolgreichen "Nein" oder einer erfolgreichen anderen Strafe eine Aufforderung zu einem erwünschten Verhalten kommen, das der Hund sicher kann und für das er oft belohnt wurde, also z.B. "Sitz" oder "Platz". Dann muß für diese Handlung belohnt werden.

7. Hundeerziehung und Hundetherapie

Die Hundeerziehung besteht nicht nur in der Ausbildung, sondern auch darin, unerwünschte Verhaltensweisen dauerhaft zu unterbinden. Da der Erfolg von Strafe zweifelhaft ist und Strafe ohnehin mit anschließendem positivem Verhalten gekoppelt sein sollte, muß man zum Abgewöhnen von solchem Verhalten andere Schritte unternehmen.

Im allgemeinen setzt sich unerwünschtes Verhalten aus drei Teilen zusammen: einem angeborenen, einem in der sensiblen Phase (5. Bis 12. Woche) gelernten und einem später gelernten. Zum Beispiel ist ein starker Jagdtrieb zu einem großen Teil angeboren, zum Teil aber auch gelernt, evtl. durch Erfolg (s. Abschnitt 1.2), zum Beispiel wenn der Hund tatsächlich mal einen Hasen erwischt hat.

Den angeborenen Teil kann man nur "zügeln", nie vollständig abtrainieren. Das Abtrainieren des früh gelernten Anteils des unerwünschten Verhaltens ist langwierig, das Abtrainieren des spät gelernten Teils jedoch relativ einfach.

Wir geben zwei einfachere Beispiele für unerwünschtes Verhalten.

1. Betteln am Tisch: Dies Verhalten ist mit ziemlicher Sicherheit gelernt und zwar wahrscheinlich in der sensiblen Phase, als der süße kleine Welpe in der 9. Woche gerade ins Haus kam. Es ist ein Lernen durch Erfolg und zwar wie viele Unarten eine Hundes ein vom Besitzer nicht gewolltes Lernen. Was macht man nun üblicherweise?

Man schimpft den Hund und schickt ihn ins Körbchen. Während man ißt, ist der Hund unbeschäftigt. Für manche Hunde kann "Schimpfen" schon eine Belohnung sein, insbesondere, wenn es nicht zu stark ist und man sich sonst nicht genügend um den Hund kümmert. Also steht der Hund alsbald wieder vom Körbchen auf und kommt an den Tisch. Erneutes Schimpfen etc. ist jetzt ein Erfolg, der Hund ist unterhalten. Er hat gelernt, es ist gut, zum Tisch zu kommen.
Die Familie ist uneins. Eines der Kinder möchte doch so gern und läßt schließlich heimlich etwas fallen. Und wenn dies nur alle paar Wochen passiert: wir wissen, daß unregelmäßige Belohnung das Verhalten am besten aufrecht erhält (siehe Abschnitt 3, Kannphase). Der Hund wird also weiter betteln.
Hier hilft am schnellsten absolutes Fütterungsverbot und Ignorieren des Hundes am Tisch. Nicht einmal zu ihm hinschauen sollte man (Verlernen durch "Mißerfolg").

2. Jogger jagen: Ist ein starker Jagdtrieb angeboren, so hilft in erster Linie, die Begegnung mit Joggern zu vermeiden. Darüber hinaus bieten sich in diesen wie ähnlichen Fällen die folgenden zwei Schritte an:


Desensibilisierung (Unempfindlich machen gegenüber dem Auslösereiz Jogger): Zunächst bringt man den Hund in eine Situation, in der ein Jogger relativ weit entfernt vom Hund rennt. Der Reiz ist jetzt schwach. Man bringt den Hund zum Liegen ("Platz") und kann ihn mühelos mit Leckerli oder Streicheln (Tellington-Touch o.ä. Beruhigendes) ruhig halten. Ist der Jogger ganz fort und blieb der Hund ruhig, belohnt man ihn. Man wiederholt diese Übung und achtet darauf, daß die Distanz zum Jogger bei jeder Übung kürzer ist. Wird der Hund unruhig, übt man wieder mit größerer Distanz. Diese Methode wird in unseren Kursen angewendet.


Ersatzhandlung: Der Auslösereiz "Jogger" veranlaßt den Hund zu jagen. Durch die Desensibilisierung lernt der Hund, sich beim Anblick des Joggers zu legen. Dies baut man zu "Platz – Bleib" aus. Beide Schritte zusammen führen zum Erfolg. Es kann sogar passieren, daß der Hund sich in Zukunft beim Anblick eines Joggers von sich aus hinlegt, ohne daß der Besitzer "Platz - Bleib" ruft, und dies sogar bei einiger Entfernung vom Besitzer. Man kann dies durch Lernen durch Gewöhnung oder Bilden eines Ersatzauslösers (= Jogger) erklären.

Diese beiden Schritte: Desensibilisierung und Ersatzhandlung sind auch die Basis der Behandlung einer ganzen Reihe anderer unerwünschter Verhaltensweisen wie verschiedener Formen der Aggression (Beute-Aggression, Angst-induzierte Aggression).

Zusammenfassung

Ich hoffe, ich konnte in diesem Aufsatz vier Dinge zeigen:


Belohnung ist die Basis sowohl der Hundeausbildung als auch von Teilen der Hundetherapie


Eine erlernte Unart kann man am schnellsten abgewöhnen, indem man herausbekommt, welches die Belohnung (Erfolg) war, durch die die Unart verstärkt wurde, und diese Belohnung konsequent verhindert.


Tiefergehende, das Zusammenleben erschwerende Verhaltensweisen bedürfen vor der Therapie einer eingehenden Analyse. Aber auch bei der Therapie spielt Lernen durch Belohnung eine entscheidende Rolle.


"Strafe" hat dort ihren Platz, wo ein Gefahr bringendes Verhalten sofort unterbrochen werden muß. Für das dauerhafte Auslöschen unerwünschter Verhaltensweisen ist "Strafe" in fast allen Fällen der falsche Weg.


Literatur: Valery O'Farrell: Manual of Canine Behaviour, Oxford 2nd ed. 1992

"Belohnung" und "Strafe" in der Hundeausbildung und Hundetherapie



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